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 storchenhaus


Das Storchenhaus von Terunobu Fujimori in Raiding vereint Modernität, traditionelle Handwerkskunst und Besinnlichkeit. Im Geburtsort von Franz Liszt sollen nun weitere experimentelle Gästehäuser von japanischen Stararchitekten entstehen. Ein Bericht von Owen Young.

„Ich bin in der Nagano Provinz auf dem Land aufgewachsen – sehr traditionell. Deshalb erinnert mich Raiding an meine Jugend.“ sagt Terunobu Fujimori. Der 67-jährige Architekt trägt keine Designer-Anzüge, besucht keine Edelrestaurants, obwohl er in Japan wie ein Star gefeiert wird. „Als Junge bin ich durch Obstgärten geschlichen und das mache ich in Raiding auch. Die Bauern kennen mich mittlerweile und lachen, wenn sie mich beim Pflücken ertappen. Ich weiß genau, wo die besten Früchte wachsen: Die Kirschen bei Stefan Höttinger und die wilden Äpfel bei Fini. Vielleicht schreibe ich einmal ein Handbuch für Obstjäger in Raiding.“

Unkompliziert und humorvoll ist auch Fujimoris Arbeitsweise, wenn er Museen, Wohnhäuser oder meditative Teehütten baut, wie zum Beispiel für den ehemaligen japanischen Premierminister Morihiro Hosokawa. Dort hat er statt Hightech-Jalousien drei Reisigbesen zerlegt und vor der Fensteröffnung angebracht. Die Fassade von seinem Storchenhaus in Raiding wiederum besteht aus angebrannten Brettern, die das minimalistische Erscheinungsbild des Baus prägen. Japaner nennen verkohltes Holz yakisugi. Es schützt vor Insekten und reduziert die Brandgefahr.

„Ursprünglich dachte ich an ein Obsthaus, eine Struktur, die in Raiding wie eine Banane an zwei Seilen hängt“, erklärt Fujimori. „Aber als ich die ersten Zugvögel sah, war mir klar, dass es ein Storchenhaus werden musste.“ Tatsächlich ließ sich kurz nach der Dachgleiche Meister Adebar auf dem Designerbau nieder. Sein Grundriss ist 5 mal 5 Meter. Auf zwei Wohnebenen verteilen sich Küche, offener Kamin, Schlafnische, Dusche und TOTO Hightech-Toilette. Die beiden schrägen Gipsdecken (abgewinkelt wie die Flügel eines Falters) vereinen sich in der nördlichen Gebäudekante sieben Meter hoch bei einem rohen Eichenstamm. Fujimori hat die weißen Wände mit einem Mosaik aus verkohlten Holzsplittern ausgelegt. Wie schwarzer Regen breiten sie sich aus. Das Dach besteht aus Schilf – gebaut nach burgenländischer und japanischer Art. Küche, Tische und Stühle hat Fujimori ebenfalls selber entworfen und zusammen mit dem Architekten Dominik Petz entwickelt.

„Meine Arbeit folgt immer der Natur und umgekehrt“, sagt Fujimori. „Es ist nicht so, dass ich den Baumstamm, der das Storchennest trägt, ausgesucht habe. Er hat zu mir gesprochen und ich bin im Wald instinktiv auf ihn zugegangen. Der Förster hat mir später gesagt, dass die Eiche ohnehin nicht mehr lange gelebt hätte. Sie ist also nicht geopfert worden. Im Sägewerk in Unterfrauenhaid haben sie allerdings den Kopf geschüttelt, wie man nur so eine verwachsene Baum aussuchen kann, um daraus Tisch und Bank und Küche zu zimmern – anstatt ihn zu verheizen!“

Konotori-an, so heißt das Gästehaus auf Japanisch, ist Teil vom sogenannten Raiding Project, das Autor Roland Hagenberg vor drei Jahren ins Leben gerufen hat. Der Österreicher lebt seit zwanzig Jahren in Japan und will im ländlichen Kontext des 900-Einwohner-Dorfes bewohnbare Kunstwerke errichten – designt von Nippons Stararchitekten. Neben Fujimori beteiligen sich auch Hiroshi Hara (das zweite geplante Haus), die Pritzker Preisträger Kazuyo Sejima, Ryue Nishizawa und Toyo Ito, sowie Jun Aoki, Kengo Kuma, Yasuhiro Yamashita, Takaharu Tezuka und Klein Dytham Architects.

„Ich hatte das Glück, mit meiner Idee in einer Gemeinde aufgenommen zu werden, die für Experimente aufgeschlossen ist und sie unterstützt“, sagt Hagenberg. „Zudem helfen uns zahlreiche Sachsponsoren.“ Originalmodelle und Zeichnungen vom Raiding Project wurden bereits in internationalen Ausstellungen vorgestellt. Für deren bauliche Umsetzung in Österreich setzt sich Dr. Richard Woschitz ein. Der Ziviltechniker war mit seiner Firma Woschitz Engeneering nicht nur an der Errichtung des Liszt Zentrums in Raiding beteiligt, sondern auch einer der ersten, der das Langzeit-Potential vom Raiding Projekt erkannte. „Unsere Architekten sind internationale Haushaltsnamen. Es gibt keine Metropole, wo nicht einer dieser Designer mit einem zukunftsweisenden Bau vertreten ist. Deren Präsenz im Burgenland wird einen neuen Designtourismus auslösen.“

Mehr Besucher aus aller Welt erwartet sich auch Roland Hagenberg. „Das Raiding Project ist eine wunderbare Ergänzung zum Liszt Festival. Schon jetzt kommen viele Musikfans von weit her. Ihnen werden sich die Liebhaber moderner Architektur anschließen!“ Fujimori gehört auch dazu. Er hat Raiding ins Herz geschlossen, will bei jedem Europa-Besuch vorbeikommen. Nicht nur wegen dem Storchenhaus und dem frischen Obst, wie er gesteht. „Haben Sie schon einmal Wespenlarven probiert?“ Der Japaner schnalzt mit der Zunge. „Die sind hier besonders sanft und süß. Einfach wunderbar!“

360° Panoramabilder vom Storchenhaus:
Storchenhaus außen
Storchenhaus innen