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Brüder Kutrowatz: Ziemlich lisztig (Wilhelm Sinkovicz, 07.04.2011)

Wie wird man den Facetten Franz Liszts gerecht? Die Brüder Kutrowatz stellen ihn jedenfalls als Klaviervirtuosen vor. Unter anderem.

Der Mann trägt eine Sonnenbrille. Franz Liszt wird in seiner Heimat zum 200. Geburtstag geehrt und will offenbar nicht so genau hinschauen: Sieben burgenländische Museen widmen sich der „Lisztomania“. Die hat es ja wirklich gegeben: Die Damen sind reihenweise in Ohnmacht gefallen, wenn der schöne Mann aus Raiding erschien und auf dem Klavier so lange gedonnert hat, bis dieses zu Bruch ging. Schon die Virtuosität dieses Künstlers hatte etwas Doppelbödiges. Keiner konnte so rasant Klavier spielen wie er. Und keiner hat vermittels dieses Faktums so viel für andere Komponisten getan – für die Verbreitung der Musik Beethovens oder Franz Schuberts zum Beispiel. Bei Liszt gingen sämtliche wichtigen Pianisten der nächstfolgenden Generationen in die Schule, auf ihm gründet alles, was heute „Klavierstil“ heißt, sei es französischer, deutscher oder russischer. Und als Komponist war er für Kollegen und Nachfolger vom Schlag Richard Wagners oder Béla Bartóks ein Vorreiter.

Außerdem war Liszt tief katholisch und empfing sogar die sogenannten „niederen Weihen“ – vorsichtshalber also jene, die nicht mit einem Keuschheitsgelübde einhergehen. Das wäre bei einem notorischen Frauenhelden eine allzu seltsame Facette gewesen. Das Rätsel Liszt in mehrere Teilausstellungen aufzusplitten, scheint also mehr als gerechtfertigt. Im Geburtshaus in Raiding und im benachbarten Unterfrauenhaid geht man der Kindheit und manchen Prophezeiungen am frühen Beginn der „Legende Liszt“ (selbst Beethoven soll den Buben auf die Stirn geküsst haben!) nach, in Eisenstadt der europäischen „Lisztomania“ in ihren verrückten Ausprägungen, im Muba-Museum Neutal ist Liszt Freimaurer, im Eisenstädter Diözesanmuseum Katholik, im Haydn-Haus Hofkapellmeister von Weimar (und trifft dort auf Vorgänger Haydn, den Hofkapellmeister der Esterhazys).

Auf Raten hörbar. Vor allem aber: Die Brüder Kutrowatz haben es geschafft, im Liszt-Jahr den „ganzen Liszt“ an einem Ort zu versammeln, im akustisch so exzellenten Konzertsaal von Raiding. Dort erklingen im Laufe des Gedenkjahres unter anderem sämtliche Tondichtungen unter Martin Haselböck, allein das ist schon eine Großtat, denn so wichtig diese Werke für die Fortentwicklung der deutschen Symphonik im
19. Jahrhundert waren, so selten sind sie im Konzertbetrieb unserer Zeit zu hören. Sehr zu Unrecht, wie die Raidinger Initiative nun auf Raten hörbar machen wird.

Zur Vorbereitung der Konzertreihe im Juni und parallel zu den Liszt-Ausstellungen gibt es am 6. April (ab 19 Uhr) einen Abend mit Johannes und Eduard Kutrowatz im Landesmuseum Eisenstadt, in dem die beiden Pianisten den Komponisten in jener Rolle vorstellen, in der er seinen Weltruhm erlangt hat: als Klaviervirtuose. Selbstverständlich werden die Interpreten ihre Ausführungen auch mit Livebeispielen untermalen, die ein Licht auf die enorme Entwicklung der pianistischen Techniken durch Liszt werfen werden.

Liszts wichtigste Klavierwerke stehen auch auf dem Programm der sommerlichen Tranche des Liszt-Festivals in Raiding, von Weltpianisten höchst unterschiedlicher „Richtungen“ interpretiert. Für den sommerlichen Teil des Festivals – er beginnt am 16. Juni – hat sich unter anderem Leslie Howard angesagt, jener Mann, der den „ganzen Liszt“ auf CD gebannt und dafür exzellente Kritiken geerntet hat. Hierzulande war er kaum je live zu erleben, in Raiding lässt sich das nun am 18. Juni nachholen.

Zeitgenössische Auseinandersetzung. Die Brüder Kutrowatz eröffnen das Juni-Festival selbst, geben dann das Podium unter anderem für Kolleginnen wie Roberta Pili (17.) und Mihaela Ursuleasa (24.) frei. Außerdem dabei: der Concentus vocalis unter Herbert Böck mit Chorwerken und Martin Haselböck und seine Wiener Akademie mit der Fortsetzung ihrer schon erwähnten Landnahme im Revier der „symphonischen Dichtung“. Unter anderem ist diesmal die „Hunnenschlacht“ zu hören, ein Kolossalgemälde, in dem freilich auch der religiöse Liszt zum Vorschein kommt.

Das Festival, dessen sommerlicher Abschnitt unter dem Motto „Grenzgänger“ steht, wäre nicht komplett, fehlte die Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler mit dem Phänomen Liszt. „Die Rose, ein wüstes Tohuwabohu von Gefühlen“ nennt sich beziehungsvoll ein von Willi Spuller organisiertes Happening, das am 23. Juni zu einem der Höhepunkte der Konfrontation des Liszt-Erbes mit unserer Zeit werden könnte. „Lisztomania“ also auch in der für den Meister angemessensten Form: akustisch!