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drehpunktkultur


Viel Ehre für eine „pianistische Null“ (Wolfgang Stern, 04.01.2011)

 

Den Namen „Lisztomania“ hat man sich bei Heinrich Heine ausgeborgt, der damit treffend die Massenhysterie beschrieb, die das vorwiegend weibliche Publikum bei den Auftritten des Pianisten auslöste. In Raiding fällt man heuer vier Mal in eine „Lisztomania“ und feiert den Jahresjubilar in vier Programmblöcken – die nächsten im März, Juni und Oktober.

 

Das Haydn-Jahr 2009 wurde im Burgenland groß begangen, heuer ist der 200. Geburtstag von Franz Liszt. „Liszt, ein Europäer“, so nannte ihn Erhard Busek in der Vorwoche beim Festakt zum „Lisztomania“-Auftakt in Raiding. Gewohnt pointiert lieferte der ehemalige Wissenschaftsminister, Musikliebhaber und Präsident des Europäischen Forums Alpbach intelligente Anmerkungen zum Jahresregenten, den Chopin eine „pianistische Null“ genannt hat.

 

Die Ururenkelin von Franz Liszt, Nike Wagner, bezeichnete ihren Ahnen als „rastloses Feuer“ und einen Europäer in der Zeit des anschwellenden Nationalismus, der kreativ mit nationaler Musik, speziell mit der ungarischen und der der Zigeuner, umgehen konnte. „Er schien Flügeln zu besitzen“, was ihn ja auch durch halb Europa zwischen Weimar, Rom, Paris und Budapest brachte.

 

Umfangreicher als in Raiding, wo man in unmittelbarer Nachbarschaft zum Liszt-Geburtshaus über einen modernen, überaus gelungenen Konzertsaal verfügt, kann das Werk Liszts kaum vorgestellt werden. Der Kartenvorverkauf läuft sehr gut. Man tut also gut, schon jetzt Bestellungen für die Herbstkonzerte vorzunehmen. Eine Gelegenheit, die man nützen sollte, zumal auch die liebliche Gegend um Raiding und das kulinarische Angebot des Burgenlandes - vor allem die Weinregion bietet attraktive Tropfen - einen Besuch wert sind.

 

Den Festakt zur Eröffnung des ersten Lisztomania-Wochenendes (von 27. Bis 30. Jänner) haben die künstlerischen Leiter der Veranstaltung, das Klavierduo Johannes und Eduard Kutrowatz, selbst mitgestaltet. Elisabeth Leonskaja hat einen Klavierabend gegeben, Ildiko Raimondi eine Liedmatinee, und es gab auch das erste von vier Konzerten „Sound of Weimar“: Dafür haben sich Martin Haselböck und die Wiener Akademie vorgenommen, Orchesterwerke in überlieferten Besetzungen und auch unter Verwendung teils von Originalinstrumenten aufzuführen, die aus Beständen von Orchestern stammen, die Liszt selbst dirigierte.

 

Logisch, dass „Lisztomania“ auch ein fest der Pianisten wird: So gastieren beispielsweise Ivo Pogorelich (17.3.), Leslie Howard (18.6.), Mihaela Ursuleasa (24.6.), Boris Bloch (19.10.), Arcadi Volodos (22.10. und 26.10.) und auch die „Hausherren“ Johannes und Eduard Kutrowatz (16.6. und 21.10.).

 

Etwas merkwürdig ist, dass es im Jubiläumsjahr wohl den Kontakt in den deutschen Raum (Weimar, Bayreuth) gibt, zum östlichen Nachbars Ungarn, wo ebenso gefeiert wird und eine schöne Broschüre in Deutsch erschienen ist (Homepage siehe unten), keine direkten Kontakte feststellbar sind. Liegt es daran, dass man dort noch von Liszt als dem „ungarischen Weltbürger“ spricht?