english | deutsch





 



 

kurier


Europäer, Weltbürger, Klassik-Popstar – und ein Genie (Werner Rosenberger, 01.01.2011)

 

Zum 200. Geburtstag von Franz Liszt: Der Komponist, Klaviervirtuose, Frauenheld und Popstar der Romantik wird 2011 allerorten groß gefeiert.

 

Das Markenzeichen der „Lisztomania 2011“ im Burgenland zum Motto „Born to be a Superstar“: eine Sonnenbrille im Gesicht der Klaviervirtuosen und Komponisten auf Plakaten und Prospekten. Die Wiener Philharmoniker spielten den „Mephisto-Walzer I“ von Franz Liszt beim Neujahrskonzert. Als kleine Verbeugung vor einem ganz Großen unter den Koryphäen. Und vor allem einem oft Unterschätzten.

Bereits als Neunjähriger wurde Liszt als pianistisches Wunderkind gefeiert. In München, Augsburg, Stuttgart und Straßburg bezeichnete man ihn als „neuenMozart“. Ein Hype um seine Person, vergleichbar mit der Hysterie um so manche Boy Group heutzutage, machte ihn zum Klassik-Superstar des 19. Jahrhunderts.

Vor allem in Berlin entstand eine regelrechte „Lisztomanie“. Dieser 1841 von Heinrich Heine geprägte Begriff dürfte auch auf das Jahr 2011 voll zutreffen. Denn ganz Europa wird Franz Liszts 200. Geburtstag feiern und „Mister Piano“, der sich selbst auch als „europäischer Künstler“ verstand, ins kulturtouristische Schaufenster stellen. Unter anderen steht er in Bayreuth, im Land Thüringen und in Ungarn im Mittelpunkt der kulturellen Aktivitäten.

Raiding. Direkt neben Liszts Geburtshaus steht seit 2006 ein moderner, akustisch hochgepriesener Konzertsaal mit vier Festivalterminen pro Jahr.Und im Burgenland startet das Festival am 27. Jänner in der 850-Seelen-Gemeinde Raiding, wo 2006 neben seinem Geburtshaus ein akustisch hervorragender Konzertsaal eröffnet wurde. Liszt war vieles: Wunderkind, Pianist, Komponist, Dirigent, Schriftsteller, Förderer, Pädagoge, Weltgeistlicher ... Dabei ist es paradox, dass er trotz seiner phänomenalen Karriere als emotionaler, leidenschaftlicher Interpret heute noch immer einer der großen Unbekannten unter den bekannten Komponisten seiner Zeit ist.


Tastentiger. Kaum ein anderer hat so wie er die Klaviertechnik geprägt. Als Komponist erweiterte er den Klang des Tasteninstruments fast ins Orchestrale. Jeder hat Liszts Orchesterwerk „Les Préludes“ im Ohr, jeder kennt die „Liebesträume“, die zu den populärsten romantischen Stücken der Klavierliteratur gehören, und zumindest die zweite seiner insgesamt 19 „Ungarischen Rhapsodien“. Aber es sei hoch an der Zeit, „einen unkonventionellen Künstler“, der „kritisiert, verkannt, verdammt“ wurde und von dessen Gesamtwerk kaum zehn Prozent Eingang in die Konzertsäle gefunden haben, ins richtige Licht zu rücken, meint Eduard Kutrowatz.

 

Lisztomania. Er ist mit seinem Bruder Johannes seit 2009 Intendant des Liszt-Festivals-Raiding, 2011 der gesamten „Lisztomania“: „Gänzlich unbekannt ist außerdem die große Rolle, die Liszt in Europa für die Musik- und Kulturgeschichte gespielt hat. Bayreuth zum Beispiel gäbe es in seiner ganzen Strahlkraft nicht ohne die Förderung von Liszt.“

Kutrowatz hat sich die Spielpläne großer Konzerthäuser angesehen: „Da werden im Schnitt nur rund zehn Werke von Liszt gespielt. Bei uns sind es heuer 134 Einzelwerke.“ Dabei ist die h-moll-Klaviersonate, gleich dreimal gespielt von Elisabeth Leonskaja (28.1.), Ivo Pogorelich (17.3.) und Arcadi Volodos (am 22.10, Liszts Geburtstag) nur einmal gerechnet. Weitere Klavier-Schwerpunkte setzen im Burgenland Alice Sara Ott, Roberta Pili, Mihaela Ursuleasa oder Leslie Howard, der einzige Künstler, der das gesamte Klavierwerk Liszts im Repertoire und auf 99 CDs eingespielt hat.

 

Lieder. Liszts Vokalmusik interpretieren u.a. Ildikó Raimondi (29. 1.), Ruth Ziesak (18. 3.) und Adrian Eröd (20. 10.). Mit seinem 70 Stücke umfassenden Orgelwerk beschäftigt sich „Liszt inLockenhaus“ beim traditionellen Orgelfestival. An vier Abenden wird das Gesamtwerk für Orgel, u. a. von Robert Kovacs, gespielt. Der „Lisztomane“ Martin Haselböck, der das gesamte Liszt-Orgelwerk sogar zwei Mal eingespielt hat, arbeitet mit seiner Wiener Akademie seit dem Vorjahr an der Gesamtaufführung des Lisztschen Orchesterwerks auf Originalinstrumenten „in der originalen Weimarer Fassung“, also in der originalen Orchesterbesetzung der Uraufführungen in Weimar von 1849 bis 1860. 2012 soll das Projekt abgeschlossen werden. Allein beim Jubiläumsjahr 2011 sind beim Orchesterzyklus „The Sound Of Weimar“ an vier Terminen in Raiding alle Symphonischen Dichtungen zu hören.

 

Komponist. „Liszt war zeitlebens in einem tiefen Konflikt“, so Haselböck. „Viele sagten, nach Beethoven könne man keine Sinfonien mehr schreiben. Aber Liszt hat die Idee der Sinfonie von Beethoven aufgenommen, diese aufgelöst und daraus die symphonische Dichtung gemacht. Damit wird mit Musik etwas erzählt und ein Gesamtkunstwerk für Orchester angestrebt.“

Und was gibt es bei dem ungeheuer originellen Komponisten, der bis in die Frühmoderne prägend war, zu entdecken? „Blitzende Orchesterfarben mit einem großen Apparat, der von der Basstuba bis zur Piccoloflöte ständig schillert! Schlagzeug, Bleche, spezifische Akzente, mit denen er Gefühle schonungslos wiedergibt“, sagt Haselböck. „Liszt versucht gar nicht, ,edel' oder ,klassisch' zu sein. Er zeigt uns bis in die heutige Zeit, in der alles gleich klingt, immer noch neue Facetten.“

Ausstellungen an acht Standorten zeichnen schließlich Liszts bewegtes Leben nach: In seinem Geburtshaus wird unter dem Titel „Le petit Litz – Wurzeln eines Genies“ die Entwicklung zum Wunderkind dargestellt. In Unterfrauenhaid steht Liszts Taufkirche. Das Landesmuseum Burgenland in Eisenstadt widmet sich der Lisztomanie und das Haydn-Haus Eisenstadt der Rolle der bei den Hofkapellmeister Haydn und Liszt in der Musikgeschichte. Im Diözesanmuseum Eisenstadt geht es um Liszts Religiosität und sakrale Musik, zudem um Freimaurerei und historische Instrumente.

„Spielen Sie mir das mehr in Blau!“, soll Liszt einst seine Musiker angewiesen haben. Er gehörte zu der kleinen Gruppe kreativer Menschen, die Farben sehen und dazu Töne hören oder ähnlich verknüpfte Sinneswahrnehmungen erleben. Liszt selbst hat das Phänomen der Synästhesie etwa so beschrieben: „Raffael und Michelangelo haben mir Mozart und Beethoven nähergebracht.“

28 KünstlerInnen aus europäischen Städten, in denen Liszt wirkte, ließen sich von Liszt inspirieren. Ausgewählte Exponate, die dabei entstanden sind, werden in der Ausstellung „Vivat Liszt! Hör das Licht – sieh den Klang“ (28. Jänner bis 6. März) auf der ersten Station einer Europa-Tournee in der Burgenländischen Landesgalerie in Eisenstadt gezeigt.