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Beseelte Virtuosität einer 22-Jährigen (Michael Wruss, 21.03.2011)

Zyklische Aufführungen von Sonaten, aber auch Etüden sind nicht die Tagesordnung und meist dem abgeklärten geistigen Können und der unerschütterlichen körperlichen Kondition der großen Meister vorbehalten. Hier setzte sich – nicht zum ersten Mal – eine junge Pianistin an den Flügel und spielte gleich alle zwölf Études d’exécution transcendente des Jahresregenten Franz Liszt.

Auch wenn sie dieses klaviertechnische Mammutprogramm bereits vor drei Jahren auf CD bannte, ist es ein Kraftakt sondergleichen, nicht nur physisch, sondern auch geistig. Das Faszinierende an ihrer Annäherungsweise an Liszt ist aber nicht die pure Virtuosität, sondern die Anwendung selbiger zu höchst leidenschaftlichen, tief empfundenen Ausdruckswerten, die die scheinbar bloß technischen Übungen zu unglaublich vielgestaltigen Charakterstudien formen.

Dabei schien es für Alice Sara Ott keine Grenzen zu geben, weder im oft aberwitzigen Passagenwerk, oder in den heiklen Sprüngen, noch im oft unglaublich schwierigen Herausarbeiten einer Stimme, die von wahnwitzigen „Begleitungen“ zugedeckt bedroht zu sein scheint. Sie spielte einen durchsichtigen Liszt, wie noch kaum zuvor gehört, nicht bloß kraftstrotzend, sondern lyrisch singend – so in Mazeppa, der 4. Etüde, wo Liszt die Melodie gar mit „vibrato assai“ hervorgehoben haben will. Beinahe bedrohlich ihre Interpretation der „Wilden Jagd“, dann wieder traumtänzerisch wandelnd und die extemporierende Virtuosität ins nicht minder schwierige introvertierte Schwelgen verkehrt (Nr.9 „Ricordanza“), oder das geheimnisvolle Flackern der Irrlichter (Nr.5).

Mit spürbarer Freude
Ganz außergewöhnlich aber die Freude, die Alice Sara Ott ausstrahlte, als würde sie nicht bloß in die Klänge wie berauscht eintauchen, sondern sich über ihr eigenes beseeltes Spiel freuen. Nie hatte man das Gefühl, hier säße jemand, der verbissen um jede Note kämpfen müsste. Im ersten Teil stand Beethovens nicht minder virtuose C-Dur-Sonate op.2/3 auf dem Programm, ein Werk, das für die damalige Musikwelt genauso revolutionierend gewirkt haben mag, wie Liszts später entstandene capriziöse Etüden, und das natürlich auf Abstammung von Liszts Klaviertechnik von Beethoven hinweisen mochte.

Die Ecksätze und das Scherzo waren brillant und fein durchgestaltet, im Adagio wäre vielleicht im Moll-Mittelteil mehr dramatischer Unterschied zwischen den schweren, fast bedrohlich erdrückenden Oktaven im Bass und den flehentlichen Zwischenrufen in der Oberstimme angebracht gewesen. Völlig zu Recht gab es Standing Ovations, für die sich Alice Sara Ott mit Liszts „La campanella“ und Beethovens „Elise“ bedankte.