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drehpunktkultur


Anhaltende Lisztomania (Wolfgang Stern, 28.06.2011)

 

Ausverkaufte Veranstaltungen auch beim dritten Programm-Block im Geburtsort von Franz Liszt, das Jubiläumsjahr zieht entsprechende Nachfrage nach sich. Vor allem aus dem Wiener Raum reisen Liszt-Liebhaber (und auch andere) ins Mittelburgenland.

 

Der Konzertsaal in Raiding, in dem immer öfter auch CD-Aufnahmen gemacht werden, ist ein Glücksfall für die Region. Nicht einmal Absagen, wie die von Daniel Barenboim (er hätte im April hier auftreten sollen) setzen offenbar dem positiven Trend in Bezug auf Kartennachfragen zu.

 

Diesmal hat Mihaela Ursuleasa wegen Krankheit abgesagt – und wie vor einigen Monaten bei einer Matinee im Großen Festspielhaus in Salzburg ist Kirill Gerstein (Jahrgang 1979) kurzfristig eingesprungen, gerade einen Tag, bevor er nach New York musste. Sein Salzburg-Debüt 2008, als Solist und im Duo mit András Schiff, wird bestimmt einigen Lesern noch in Erinnerung sein.

 

Es war gut, einmal ein wenig von der Lisztomania in Raiding weg zu kommen. Brahms und Beethoven neben Liszt – eine Kombination, nach der man als Zuhörer so richtig „aufgekratzt“ den Saal verließ. Schon in den Brahmsschen Variationen über ein Thema von Paganini, op.35, zeigte Gerstein, wo es lang geht. Sensibelste Gestaltung der einzelnen Variationen tat dem Ohr gut. Sein Anschlag, sein technisches Vermögen, sein „Hineinhörenlassen“, ja sein Umgang mit dem Begriff Zeit in der Umsetzung der nahezu dreißig Veränderungen hinterließen einen tiefen Eindruck. Und man konnte wieder einmal froh sein, einen nicht so im Vordergrund stehenden Pianisten erleben zu dürfen. Kompetenz zeigte der gebürtige Russe, der seit 2003 amerikanischer Staatsbürger ist, auch in Beethovens letzter Sonate Nr.32, op.111. Leidenschaft prägte die Wiedergabe, voll konzentriert widmete sich Gerstein jedem einzelnen Ton. Das zeigte sich besonders extrem ebenso in der Fortsetzung bei Liszt, dessen h-moll-Sonate den Höhepunkt des Abends bildete: ein Bekenntnis zum Komponisten am Geburtsort, unüberhörbar der erzählende Charakter des Werkes im Kampf des Lebens oder im Ringen um das Ideal.

 

Zur Überraschung vieler gab es auch beim Chorkonzert des Concentus Vocalis einen vollbesetzten Saal. Herbert Böck, Professor für Chorleitung an der Universität Mozarteum, hat 1980 den Kammerchor Hollabrunn gegründet, aus dem ist bald der Concentus Vocalis hervorgegangen, ein nach wie vor hervorragendes Chorensemble, bestehend aus 16 Damen und 14 Herren. Werke von Herwig Reiter – davon drei Uraufführungen von Bearbeitungen dreier Sololieder des Jahresregenten, zwei für a-cappella-Chor und eines für Chor, Violine und Violoncello – zeugten vom tonsetzerischen Geschick des Siebzigers. Eine phantastische Wiedergabe fand das herausfordernde „Stabat Maters“ von dem Norweger Knut Nystedt, und auch Sven-David Sandströms „Lobet Gott den Herrn, alle Heiden“ gaben dem Chor Gelegenheit, sich als profiliertes Ensemble dieser Art zu bestätigen.

 

In der den dritten Block abschließenden Sonntagsmatinee gastierte abermals Martin Haselböck mit seiner Wiener Akademie. Hoch ist der Entschluss anzurechnen, im 200. Geburtsjahr von Liszt alle seine Orchesterwerke in Raiding aufzuführen. Eigentlich eine musikgeschichtliche Großtat, sind doch die Symphonischen Dichtungen, meist um Umfang von jeweils 15 bis 25 Minuten, unbegründet nahezu aus den Konzertsälen verschwunden. Auf CDs werden diese Konzerte festhalten. Die Wiedergaben auf Originalinstrumenten haben, wie berichtet, das Ziel, dem „Sound of Weimar“ möglichst gerecht zu werden. Und das gelang dem Ensemble abermals.

 

Unter dem Titel „Festklänge“ gibt es einen vierten Block von Konzerten vom 19. bis zum 26. Oktober. Boris Bloch, die Brüder Kutrowatz, Arcadi Volodos und natürlich die Wiener Akademie sind angekündigt. Für 2012 ist das Programm in ähnlicher Abfolge wie 2011 bereits fixiert.