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dpa


„Raiding will Stück vom Kuchen“ (Irmgard Rieger, 19.10.2011)

Der große Komponist Franz Liszt stammt aus dem kleinen Ort Raiding im Burgenland. Das ehemals ungarische Dorf will von seinem berühmten Sohn profitieren und mit seinem Namen Besucher anlocken. Sogar ein Konzerthaus mit 600 Sitzplätzen wurde in dem 850-Einwohner-Ort gebaut.

Selbst das alte Schulhaus ist einstöckig. Das Brauereistüberl schräg gegenüber schmückt sich mit dem Beinamen „Zur Lisztperle“. Am Dorfanger reihen sich niedrige Häuschen in traditioneller Bauweise aneinander, das Gemeindeamt residiert am Franz-Liszt-Platz und beherbergt auch eine Vinothek mit Bücherstube unter dem Titel „Liszt und Wein“. Raiding im Burgenland, ein Dorf mit 850 Einwohnern – und einem großen Sohn: In einem Meiereigebäude der Fürsten Esterhazy wurde am 22. Oktober 1811 der Komponist Franz Liszt geboren.

Die ersten elf Jahre seines Lebens hat er hier verbracht, als Sohn eines Verwaltungsbeamten, der in Diensten des einflussreichen Fürstenhauses Esterhazy stand. Das weiß gestrichene Geburtshaus ist ein niedriger, weiß gestrichener Bau mit Schindeldach. In den drei ebenerdigen Räumen beherbergt es ein kleines Museum zur Kindheit des Künstlers.

Ambitioniertes Konzerthaus. In direkter Nachbarschaft dazu wurde 2006 ein ambitioniertes Konzerthaus mit 600 Sitzplätzen eröffnet, in dem international renommierte Künstler zu Gast sind. Am 22. Oktober etwa wird der russische Pianist Arcadi Volodos das „Geburtstagskonzert“ für Franz Liszt mit dessen h-Moll-Sonate bestreiten.

Nach Bayreuth sind es 642 Kilometer, nach Weimar 763, nach Budapest 216, nach Paris 1350, nach Rom 1082. Und auch nach Wien noch gut 100 Kilometer: Anders als die Liszt-Metropole Weimar kann das ehemals ungarische Dorf Raiding nicht mit städtischem Ambiente, künstlerischer Tradition oder großem Einzugsgebiet punkten. Dennoch haben Liszt-Anhänger mit Ambition ein Festival hier beheimatet, das mit dem Liszt-Jahr zusätzlich Schwung erhalten sollte.

„Wurzeln von Liszts künstlerischem Schaffen“. „Raiding führt an die Wurzeln von Liszts künstlerischem Schaffen“, sagt Johannes Kutrowatz, Pianist, Liszt-Kenner und mit seinem Bruder Eduard künstlerischer Leiter des Liszt-Festivals Raiding. In diesem Jahr sind die Brüder, die als Pianisten- und Intendanten-Duo in Erscheinung treten, auch für das Jahresprogramm „Lisztomania“ verantwortlich, das die Heimat des Künstlers mit Konzerten, Ausstellungen und Informationen überzieht.

Zwei zentrale Aspekte streicht Johannes Kutrowatz heraus: Zum einen spielten die von der Mutter geprägte Religiosität und die in den Kinderjahren wahrgenommene Kirchenmusik eine sehr wichtige Rolle. „Er hat selbst immer wieder darauf hingewiesen, wie sehr ihn das Orgelspiel und die Kirchenmusik in der Dorfkirche geprägt haben“, meint Kutrowatz.

Der zweite Aspekt sei die Musik der fahrenden Leute: Musiker, die durch die Lande zogen, auch durch das dörfliche Raiding, das damals in Ungarn lag. Temperamentvolle Musiker, die dort spielten und tanzten. „Die Charakteristika der Zigeunermusik, die Art der Präsentation und das Improvisatorische, haben auf das Kind Franz Liszt einen großen Eindruck gemacht“, halten die Brüder Kutrowatz fest.

Neues Liszt-Bild. „An diese Wurzeln zu gehen, birgt eine große emotionale Kraft“, begründen die Brüder ihre Ambition, an diesem Fleck im dünn besiedelten mittleren Burgenland ein so potentes Festival anzubieten: „Mit Blick auf diese Wurzeln ist es sinnvoll, das Werk Liszts mit allen Aspekten hier einfach einmal darzustellen“.

Das zu Ende gehende Jubiläumsjahr sehen die Intendanten als Ausgangspunkt, um ein neues Liszt-Bild zu entwickeln. „Es gibt noch viel zu entdecken“, sind sie überzeugt: „Nicht nur rein musikalisch, sondern auch von der Biografie her und von der Zuordnung in die Historie. Es wäre ein großes Ziel, dass dieses Jahr den Anstoß gegeben hat, um Liszt im Konzertbetrieb so zu etablieren, dass er auch vom Repertoire her den Stellenwert eines Mozart, eines Haydn, eines Schubert erreicht.“