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Eine Bilanz der Veranstaltungen zum Liszt-Jahr (Jörn Florian Fuchs, 12.11.2011)

200 Jahre wäre Franz Liszt in diesem Jahr geworden. Deutschlandweit wird der Klassik-Pop-Star mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen gefeiert. Unter dem Motto „Lust auf Liszt“ gab es heuer in Bayreuth einen sehr bunten Veranstaltungsreigen. Höhepunkt war sicher die Uraufführung der Oper „Don Sanche“, die der Österreicher Gerhard Krammer neu ediert hat. „Don Sanche“ ist das einzige Musiktheater Liszts, das dieser im zarten Alter von 13 Jahren schrieb. Die Handlung wirkt etwas verworren, im Zentrum stehen mehrere Liebesgeschichten, kompositorisch ist das Ganze ein rechtes Stückwerk, deutlich orientiert an Vorbildern der Zeit, ohne einen Personalstil.

Will man das Ergebnis dieses Jubeljahres in einen Satz gießen, dann lautet er: Liszt ist einfach nicht zu fassen. Oder so: Liszt ist nicht einfach zu fassen. Einen recht guten Überblick über Leben, Werk und Wirkung des Klaviervirtuosen, Lebemanns, Abbés und Schöpfers neuer Tonwelten gab es im Burgenland, etwa in Eisenstadt, wo das dortige Landesmuseum das Heine-Wort von der „Lisztomania“ in Bild, Wort und Musik präsentierte. Der damalige Hype um den Tastenlöwen wurde eindrucksvoll in Szene gesetzt und mit heutiger Superstarverehrung verknüpft. Liszts Selbst-Inszenierungen ähnelten wohl durchaus den Auftritten gegenwärtiger „Helden“ der Popkultur. Sollte man Liszt also eher mit Lady Gaga als mit Lang Lang vergleichen? Dazu der Bayreuther Musikwissenschaftler Thomas Betzwieser:

„Auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick abwegig erscheint, ich glaube, wir müssten in den Popularmusikbereich gehen, um sozusagen diese Figur, diesen Starkult überhaupt nachzuvollziehen. Natürlich können wir jetzt Pianisten irgendwie auflisten, die vielleicht dem nahe kommen, aber ich glaube, Figuren wie Michael Jackson oder auch Leute, die in gewissem Sinne für Virtuosität in der Popularmusik stehen, müsste man heranziehen, um das ganze mediale Gefüge um Liszt herum adäquat übersetzen zu können und vergleichbare Phänomene zu finden.“

Mit wallendem Haar, extravagantem Kleidungsstil und jeder Menge Exzentrik reiste und raste Liszt jahrzehntelang durch Europa. Geboren wurde er in Raiding, damals Ungarn, doch er sprach kaum Ungarisch und hatte lange mit seinem Heimatland wenig am Hut. Bis er 1828 nach einem Benefizkonzert in Pest auf geradezu aggressive Huldigungen seiner Gastgeber stieß, die ihn mit reich geschmückten Ehrensäbeln beschenkten. Kurz danach liest man immer wieder von Liszts Stolz auf seine ungarische Identität.

Direkt neben dem als hübsches Museum eingerichteten Geburtshause in Raiding wurde vor ein paar Jahren ein Konzertsaal mit rund 600 Plätzen errichtet. Innen ganz mit Fichtenholz ausgeschlagen, fällt sofort die gute Akustik ins Ohr. Auch konzeptionell ist einiges geboten. Das Pianistenbrüderpaar Eduard und Johannes Kutrowatz leiten das vier Mal pro Jahr stattfindende Liszt-Festival. Ein zentraler Programmpunkt ist die erstmals komplette Aufführung und CD-Einspielung sämtlicher Symphonischer Dichtungen. Nicht nur bei diesem Genre fällt auf, wie qualitativ unterschiedlich manche Werke sind. Da stehen die ganz neuartigen, schroffen Inventionen bei der späten Komposition „Von der Wiege bis zum Grabe“ neben ziemlich belanglosen Harmonien im Werk „Festklänge“.

Was ist letztlich das Geniale, das Genuine an Liszt? Dazu Johannes Kutrowatz: „Ich finde, sein unbeugsames Selbstbewusstsein als singulärer Künstler, „le concert c'est moi“ – „das Konzert, das bin ich“, als den für die Kulturgeschichte Europas durchschlagendsten Faktor.“