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 darmstädter echo


Das Liszt Festival Raiding feiert 2015 seine 10. Saison. Anlässlich dieses Jubiläums erschien die CD-Edition (Gramola) „Live at Liszt Festival Raiding“ von Boris Bloch mit Live-Aufnahmen von Liszt-Recitals. Boris Bloch tritt beim Liszt Festival im Oktober bereits zu sechsten Mal in Raiding auf.


Poesie trifft Dramatik (Silvia Adler, 11. Juni 2015)

Klassik-CD - Der Pianist Boris Bloch zeigt Franz Liszt als genialen Dichter der Klavierkunst
 
Feinste Klangpoesie und tiefgründige Dramatik: Mit seiner Liszt-Edition ist dem Pianisten Boris Bloch ein Meisterwerk gelungen, das dem Komponisten ein eindrucksvolles Denkmal setzt.

Als "persönlichste Tagebucheintragungen eines Künstlers" beschreibt der russische Pianist Boris Bloch Liszts "Années de pèlerinage". Der zwischen 1848 und 1883 entstandene Klavierzyklus gilt als eines der zentralen Werke der Romantik - sein Bekanntheitsgrad ist dennoch eher gering. Die aus drei Bänden bestehende Pilgerreise bildet das Herzstück von Blochs bei Gramola erschienener Liszt-Edition, auf der Live-Auftritte des Künstlers beim Liszt-Festival in Raiding aus den Jahren 2010 bis 2014 festgehalten sind.
Um das vorschnelle Urteil zu entkräften, Liszts Musik würde sich in "inhaltloser Virtuosität erschöpfen", hat der Pianist eine Auswahl getroffen, die den Komponisten von einer anderen Seite zeigt: Nicht der Schöpfer brillanter Bravourstücke, sondern der tiefgründige Klangsucher und kühne Visionär Franz Liszt steht hier im Fokus.

Bildermächtig lässt Blochs Interpretation die poetischen Welten der "Années de pèlerinage" plastisch werden, in denen Liszt Impressionen seiner Reisen in die Schweiz und nach Italien verarbeitet. Mit berückender Intensität wird der musikalische Kosmos des Zyklus in seiner reichen Vielfalt zur Entfaltung gebracht, gleichzeitig gewährt Blochs einfühlsames Spiel tiefe Einblicke in das Seeleninnere des Komponisten. Herrlich modellierte Naturbilder und eine psychologisch zwingende Dramaturgie bestimmen das erste Pilgerjahr "Suisse", das auf Liszts Schweizaufenthalt mit seiner Geliebten Marie d'Agoult zurückgeht.

Inmitten der schroffen Kulisse der Alpen mit ihren kristallklaren Quellen, spiegelnden Bergseen und tosenden Gewittern, die Bloch mit delikaten Farben und feindosierter Dramatik ausgestaltet, liegt das Kernstück des "Première Année", das "Vallée d'Obermann". Bei Bloch erscheint es als Ort abgrundtieferEinsamkeit zugleich aber als geheimnisvolles Tal höchster romantischer Verlockung.

Ebenso zart wie übermächtig klingt das Pianissimo des lyrischen Themas, das der Pianist auf großem Spannungsbogen zu einem ekstatischen Rausch steigert, der Assoziationen an Wagners "Tristan" weckt. Es ist die Gabe des Sicheinfühlens, die seelische Intensität, mit der Bloch Liszts Musik durchdringt, die seiner Interpretation ihre außergewöhnliche Qualität verleiht.

Ein Funkensturm tobt über die Tasten

Inspiriert von italienischen Kunstwerken wie Raphaels "Vermählung Marias", Michelangelos "Denker", Petrarcas Sonetten und Dantes "Göttlicher Komödie" ist das zweite Pilgerjahr "Italie", dem Bloch so feingezeichnete wie hochdramatische Konturen verleiht. Höhepunkt des "Deuxième Année" ist die fulminant in Szene gesetzte "Dante-Sonate". Absolut zwingend die Wahl der Tempi: die extrem langsam genommenen, nach innen blickenden Episoden, lassen den Funkensturm, den Bloch auf den Tasten entzündet, um so wirkungsvoller erscheinen.

Als schonungslose Lebensbilanz, in der Liszt seine Hoffnungen und Ängste, sein persönliches Scheitern und die spirituelle Sehnsucht nach Erlösung in Töne setzt, deutet Bloch das dritte Jahr, das erst 20 bis 35 Jahre nach den anderen entstanden ist. Mit psychologischem Feingefühl durchmisst der Pianist die seelischen Abgründe, die in der schroffen, mitunter kryptisch wirkenden Tonsprache des späten Liszt verborgen liegen.

Düster und niederdrückend schleppt sich der "Marche funèbre" daher, um plötzlich im Pianissimo-Teil einen unauslöschlichen Hoffnungsfunken zu zünden. Meisterhaft perlen die Wasserspiele der Villa d'Este, die in ihrer kristallinen Klarheit auf das Taufwasser verweisen. Bis in die letzte Tiefe beleuchtet Bloch auch in den "Harmonies poétiques et religieuses" Franz Liszts spirituelle Gedankenwelt.

Vollkommene innere Ruhe verströmten hingegen die "Consolations". In ihrem Klang schwingen Trost, Poesie und eine betörende Süße. Blochs Spiel gestattet keinerlei Zweifel: Aus Liszts Musik spricht nicht nur der Jahrhundertvirtuose, sondern ein genialer Poet.

www.gramola.at